Interview

Eine Hochzeitsfotografin erzählt.

Mich interessiert der Moment, in dem das Besondere, Unverwechselbare eines Menschen aufscheint.

Fotografin, Künstlerin oder Reporterin – Wie siehst Du Dich selbst?

Ich sehe mich in erster Linie als Produzentin von Erinnerungen. Ich halte Momente fest, die schnell vergehen – und doch für immer bleiben sollen. Mein Anspruch ist es, Bilder zu schaffen, bei denen die Betrachter später sagen: Schau, das sind wirklich wir, so war das damals, so hat sich das angefühlt. Fotografien sind Fenster in unsere Vergangenheit. Wenn man sie öffnet, möchte man etwas Echtes, Wahres sehen. Und zugegeben: auch etwas Schönes.

Dann vielleicht eher: Marlén Mieth – Büro für Zeitreisen?

Genau, das würde mir gefallen. Nehmen wir das Beispiel Hochzeit: Es ist ja leider so, dass viele Paar kaum etwas von ihrem eigenen Fest haben. Sie sind die Gastgeber – und wären doch am liebsten gleichzeitig Gäste, Freunde unter Freunden. Mit dem Abstand einiger Tage oder Wochen bekomme ich oft die Rückmeldung: Ohne Deine Bilder wäre das alles einfach an uns vorbeigerauscht. Mit der Kinderfotografie ist es ganz ähnlich, auch wenn es da um Jahre statt um Tage geht. Das Phänomen ist dasselbe.

Gut, dass die Fotografie nicht an Dir vorbeigerauscht ist …

Das ist wirklich ein Glück, aber auch alles andere als zufällig. Es gab für mich nie etwas Spannenderes, als mir mein eigenes Bild von der Welt zu machen. Auf den Moment zu warten, in dem ich etwas sehe, was andere vielleicht nicht sehen.

 

Du hast also schon früh angefangen zu Fotografieren?

Ja, so lange ich mich erinnern kann, war da immer eine Kamera im Spiel. Andere Interessen kamen und gingen, aber diese eine Konstante blieb. Mit 18 Jahren habe ich ganze Tage bei einer Freundin in der Dunkelkammer verbracht, um selbst Bilder zu entwickeln. Und obwohl ich danach noch viele andere Sachen ausprobiert habe – eine Ausbildung, ein Studium – wusste ich im Hinterkopf: Eigentlich ist das die Sache, die du machen willst.

Und dann hast Du 2006 eine Entscheidung getroffen?

Jein, es war wie ein Puzzle, das sich von Zauberhand selbst zusammensetzt – wie so vieles im Leben. Ich habe vielen Leuten meine Bilder gezeigt, immer häufiger positives Feedback bekommen, und irgendwann sagte mir ein etablierter Fotograf, dessen Arbeiten ich sehr schätze: Was Du da machst, ist lebendiger und echter als vieles, was ich kenne. Da wusste ich: Jetzt ist eine gute Zeit, loszulegen.

 

„Lebendiger und Echter“ – Was heißt das?

Ich war eine der Ersten in Deutschland, die rausgegangen ist und Reportage- bzw. Porträtfotografie für Privatleute angeboten hat. Und die professionelle Fotografie rausgeholt hat aus dem klassischen Fotostudio ins echte Leben.

Auch technisch gesehen ist in der letzten Dekade eine Menge passiert, oder?

Klar, die rasante Entwicklung der Digitalfotografie hat mir natürlich in die Karten gespielt: Im analogen Zeitalter hätte es sich kein Fotograf leisten können, für ein Privatshooting von quirligen Kindern etliche Film vollzuknipsen – nur um Tage später zu sehen, dass die kleine Luise auf keinem Bild so richtig in die Kamera schaut, dass irgendein Detail nicht stimmig ist.

So etwas scheint Dir jedenfalls nicht zu passieren – die Menschen auf Deinen Bildern sehen fast unverschämt gut aus.

Das Kompliment nehme ich gern an, aber es ist mir wirklich wichtig zu sagen, dass das alles ganz normale, authentische Leute sind, keine Models. Und wenn die schön sind, dann weil es gelungen ist, für eine Atmosphäre zu sorgen, in der sie in ihrer natürlichen Schönheit zu leuchten beginnen. Ich kann nichts zeigen, was nicht schon da ist. Keine Software der Welt kann Ausstrahlung herstellen. Die Kunst der Porträtfotografie liegt darin, den einen Moment zu erwischen, in dem sich ein Mensch zeigt, in dem er etwas von sich preisgibt. Oder diesen Moment herbeizuführen.

Wie würdest Du selbst Deinen Stil beschreiben?

Sicher habe ich meinen Stil und meine eigene Bildästhetik, aber in erster Linie versuche ich einzufangen, was mein Gegenüber ausstrahlt. Ich versuche es zu vermeiden es die Menschen vor meiner Kamera zu klischeehaften Posen animieren, das finde ich furchtbar – zum Beispiel diese Unart, erwachsene Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht, als naives Mädchen oder schüchterne Braut zu inszenieren. Dabei geht es doch eigentlich um Natürlichkeit, um Eigenheiten, um echte Menschen. Und manchmal auch den Hauch von Kitsch und Glamour, ohne den große Gefühle nicht zu haben sind.

Gibt es Vorbilder?

Es gibt eine Reihe von Reportagefotografen aus den 50er oder 60er Jahren, die ich sehr schätze, beispielsweise Saul Leiter oder Vivian Meyer. Robert Doisneau, Hansel Mieth. Aber bei dem Wort „Vorbilder“ denke ich gar nicht zuerst an Fotografen. Ich bin ein neugieriger Mensch und suche überall nach Impulsen, die mich weiterbringen. Als guter Fotograf muss man seine Wahrnehmung permanent schulen – nicht in irgendeinem Kurs, sondern im Alltag. Ob ein Bild gelingt oder nicht, entscheidet sich nicht erst beim Klick auf den Auslöser. Es geht darum, zu erkennen, was jemanden ausmacht. Deshalb ist es für mich ein großes Kompliment, wenn Eltern mir sagen: Du hast an unserem Kind genau das Besondere entdeckt, was wir auch in ihm sehen.

Einer Deiner Schwerpunkte ist die Hochzeitsfotografie – wie ist es dazu gekommen?

Ich bin da reingestolpert, wie in so viele Dinge in meinem Leben. Ein Kollege und Freund aus Karlsruhe hatte mich gebeten, seine Hochzeit zu fotografieren und ich habe eine kleine Reportage zur Trauung gemacht. Die kam sehr gut an, aber ich habe gemerkt, dass es sinnvoll ist länger zu bleiben als nur zwei, drei Stunden – nur dann kann man eine Geschichte erzählen. Das ist mein Anspruch, und das ist es, was die Leute an meiner Arbeit schätzen.

Was macht denn einen guten Hochzeitsfotografen aus Deiner Sicht aus?

Man braucht ein hohes Maß an Empathie und die Fähigkeit, die besondere Stimmung dieses Tages zu verinnerlichen. Man braucht Ausdauer und Geduld, weil man nicht selten 8 bis 16 Stunden fotografiert. Und man braucht Respekt.

Fehlt der aus Deiner Sicht manchen Kollegen?

Ja, ich glaube schon. Es geht einfach nicht, dass man zu einer Trauung in Jeans und Karohemd aufschlägt – wo jeder der Beteiligten sich schon lange vorher Gedanken macht, was er anzieht. Es gibt auch Fotografen, die sich während der Trauung unter den Tisch legen oder auf andere Art Aufsehen erregen. Das ist nicht meine Art. Mein Anspruch ist es, nah dran zu sein und trotzdem so unauffällig wie möglich zu bleiben. Wenn ich manchmal gefragt werde, woher ich das Brautpaar kenne, wenn ich als Teil der Hochzeitsgesellschaft wahrgenommen werde und nicht wie ein Fremdkörper, dann weiß ich, dass ich meinen Job gut gemacht habe.

Gibt es Sachen, die Du ablehnst?

Ja, ich habe schon eine Reihe von Aufträgen abgelehnt. Wie heißt es so schön: Die Chemie muss stimmen. Und da ich vorhin vom Respekt gegenüber dem Brautpaar gesprochen habe: den erwarte ich natürlich auch von den Kunden gegenüber meiner Arbeit. Man sollte sich schon auf Augenhöhe begegnen. Gerade wenn es um Hochzeiten geht, um diesen „Once in a lifetime“-Moment, dann sollte man mehr sein als ein Dienstleister. Man verbringt schließlich eine Menge Zeit miteinander an diesem besonderen Tag und man ist sehr nah am Paar bzw. an der Familie dran.

Woher kommen Deine Kunden, sind das hauptsächlich Dresdner?

Was die Porträtfotos angeht ja, bei den Hochzeitsreportagen werde ich in ganz Deutschland gebucht, mit einem Schwerpunkt auf Dresden und Umgebung, Sachsen und Berlin-Brandenburg, ich bin aber auch oft in Österreich und der Schweiz unterwegs. Wenn jemand, der das hier liest, in New York heiraten will – it’s a deal.

Benutzt Du spezielles Equipment?

Ich arbeite mit einer Profiausrüstung: digitalen Canon-Spiegelreflexkameras, hochwertigen Optiken sowie einer mobil einsetzbaren Studioblitzanlage. Zudem habe ich immer zwei unverzichtbare Tools dabei: Herz und Hirn.

Es gibt Kollegen, die für niedrigere Preise arbeiten. Wie stehst Du dazu?

Ich mag nicht über andere urteilen – jeder Fotograf muss seine eigene Rechnung aufmachen und seine Preise selbst kalkulieren. Ich nehme jedenfalls sehr ernst, was ich mache – und ich denke, es ist im Sinne meiner Kunden, wenn ich mich mir für ihre Fotos die Zeit nehme, die sie brauchen, beim Fotografieren und beim Bearbeiten. Ich will nicht einfach »abliefern«, von dort ist es nicht mehr weit bis zum Mittelmaß.

Ist heute nicht eigentlich jeder ein Fotograf? Was spricht aus Deiner Sicht noch dafür, einen Profi zu engagieren – zum Beispiel Marlén Mieth?

Erstmal möchte ich den positiven Aspekt des ganzen Fotohypes unterstreichen: Der Qualitätsanspruch ist deutlich gestiegen – um das zu sehen, reicht ein Blick ins Familienalbum von Eltern und Großeltern. Das kommt mir entgegen, weil das auch heißt, dass mehr Leute zu würdigen wissen, was ich leiste. Davon abgesehen sind es zwei verschiedene Dinge, eine teure Kamera zu besitzen und diese auch bedienen zu können. Zehn Jahre Erfahrung und Know-how sieht man einem Bild an. Punkt. Und dann ist da noch der Reiz des Blicks von außen. Viele Leute entdecken in meinen Bildern Facetten ihrer Persönlichkeit, die ihnen bisher unbekannt waren. Sie sehen sich selbst in einem anderen Licht.

Das Interview führte Helge Pfannenschmidt mit mir an einem lauen Sommertag bei Bratkartoffeln und Spiegelei im St. Pauli Eck Dresden – vielen Dank dafür!